Künstliche Intelligenz im Kampf gegen Financial Crime - Simona Stoytchkova im Interview
Insight, 17.09.2025
Beim exklusiven Innovate-or-Die-Dinner in der Villa Merton in Frankfurt drehte sich alles um die Frage: Fighting Financial Crime with AI – Innovate or Die?
Birgit Hass von Sopra Financial Technology nutzte die Gelegenheit, um mit Simona Stoytchkova, Beirätin von AIAYN und Keynote-Speakerin des Abends, zu sprechen. Im Interview gibt Simona Einblicke in die Chancen und Herausforderungen von KI im Finanzsektor, erläutert, wie innovative Technologien Finanzkriminalität bekämpfen können, und teilt ihre Vision für die Zukunft der Branche.
Birgit: Simona, Du beginnst deine Keynote mit einem Blick nach Florenz ins Jahr 1450. Warum dieser historische Einstieg – und was hat Cosimo de Medici mit Künstlicher Intelligenz zu tun?
Simona: Geschichte lehrt uns, dass Macht nie durch lineare Konkurrenz verloren geht, sondern durch technologische Sprünge. Die Medici-Bank hielt einst Europas Geldströme in der Hand, es gab keine in der Zeit, die mächtiger war. Bis sie unterging, weil sich die Spielregeln änderten. Heute stehen Banken an genau so einem Punkt. Damals war es die Druckerpresse, heute sind es neuronale Netze. Die Botschaft ist klar: Macht und Stabilität sind immer nur geliehen – solange, bis eine neue Technologie sie herausfordert. Agentische KI ist kein Werkzeug mehr, sondern ein Ökosystem. Wer die Lektion der Geschichte nicht versteht, wird dieselben Fehler wiederholen – nämlich zu glauben, man habe Zeit.“
Birgit: Du sprichst davon, dass Banken sich in einer ähnlichen Situation befinden wie die Autoindustrie, als Tesla aufkam. Was ist der größte blinde Fleck, den Banken aktuell haben – und wie können sie ihn überwinden?
Simona: Der größte blinde Fleck ist, dass Banken immer noch glauben, sie konkurrieren mit anderen Banken. Tatsächlich konkurrieren sie mit ganz neuen Ökosystemen – BigTechs, Start-ups, KI-Agenten. Tesla hat die Autoindustrie nicht dominiert, indem sie bessere Motoren bauten, sondern indem sie ein völlig neues Narrativ geschaffen haben: Software first. Banken müssen auch einen Shift machen: AI-First Mindset. Das setzt voraus, dass Banken all ihre Mitarbeiter und Führungskräfte bis hin zum C-Level großflächig mit KI befähigen.
Birgit: In deiner Keynote schilderst du wie Angreifer- und Verteidiger-KIs bereits heute in Echtzeit gegeneinander antreten. Welche Rolle bleibt dem Menschen in dieser neuen Sicherheitsarchitektur überhaupt noch?
Simona: Die Rolle des Menschen verschiebt sich radikal: weg vom Analysten, hin zum Dirigenten. Maschinen kämpfen schon heute gegeneinander – in Millisekunden. Aber Maschinen verstehen keine Bedeutung. Der Mensch muss entscheiden: Welche Risiken sind wir bereit zu tragen? Welche Werte wollen wir verteidigen? Was ist unsere Haltung. Wir dürfen nicht nicht mehr Maus im Spiel sein, sondern müssen zum Jäger werden, wenn wir Verantwortung übernehmen. Der Mensch ist nicht aus dem Spiel. Der Mensch bestimmt die Spielregeln.“
Birgit: Du hast die „sieben Drachen“ des Bankings in Zeitalter Agentischer KI vorgestellt – eine eindrückliche Metapher. Welcher Drache ist für Dich persönlich der gefährlichste, und warum?
Simona: Der gefährlichste meiner Meinung nach ist der Vertrauens-Drache. Geld ist am Ende nur Papier oder Code – sein Wert entsteht durch Vertrauen. Wenn Deepfakes Stimmen und Gesichter täuschend echt imitieren können, wenn Identitäten unsicher werden, dann ist das Fundament des Bankings bedroht. Wer Vertrauen verliert, verliert den Markt. Deshalb sage ich: Technologie kann Prozesse sichern, aber nur Menschen können Vertrauen verkörpern. Banken müssen sich fragen: Wofür stehen wir, wenn alles digitalisiert ist?“
Birgit: Viele Führungskräfte in Banken fühlen sich von der Geschwindigkeit der KI-Entwicklungen überrollt. Was ist deiner Meinung nach der allererste konkrete Schritt, den sie morgen gehen müssen, um nicht zurückzubleiben?
Simona: Der erste Schritt ist, ein AI-Governance-Framework einzuführen, das nicht nur Compliance abdeckt, sondern Chancen und Risiken integriert. Das bedeutet: Nicht warten, bis Regulierung zwingt – sondern selbst Standards setzen. Ein sehr innovatives Start-Up, das dies anbietet ist Trial. Anna Spitznagen, die CEO, ist eine Koryphäe auf diesem Gebiet.
Und zweitens: Pilotprojekte starten, die zeigen, wie KI-Agenten reale Probleme lösen. Agents Inc. und ich sind gerade dabei ein AI-Lab für Banken ins Leben zu rufen, wo wir in einer geschützten Sandbox genau das anbieten möchten. Wir suchen unsere ersten Bankenpartner, die mit uns den Weg gehen wollen. Nicht in fünf Jahren, sondern jetzt. Wer klein anfängt, lernt schnell. Wer wartet, bleibt stehen.
Birgit: Du hast am Ende deiner Keynote gesagt, dass nicht Rechenleistung, sondern Neugier und Mut die neue Währung sind. Kannst Du uns ein Beispiel geben, wie Banken Neugier und Mut in ihre Kultur integrieren können?
Simona: Banken müssen Räume schaffen, in denen Experimente erlaubt sind. ohne dass sofort die Frage nach ROI kommt oder noch schlimmer, eine starre Fehlerkultur einsetzt. Neugier bedeutet, Dinge auszuprobieren, bevor sie perfekt sind. Mut bedeutet, Entscheidungen zu treffen, obwohl nicht alle Variablen bekannt sind. Ein Beispiel: Eine Bank, die ihren Mitarbeitern einen eigenen ‚AI Playground‘ gibt, in dem sie frei mit agentischer KI arbeiten dürfen – ohne Angst vor Fehlern. So entsteht eine Kultur, in der Innovation von innen wächst, nicht nur von Beratern kommt. Wie gesagt, unser zukünftiges AI-Lab wird genau diese Umgebung schaffen.
Birgit: Wenn Du in die Zukunft blickst – sagen wir ins Jahr 2035 – welche Rolle werden Banken im Zeitalter agentischer KI spielen, und was unterscheidet die Gewinner von den Verlierern?
Simona: Die Gewinner-Banken von 2035 sind keine Institutionen mehr, die nur Geld bewegen. Sie sind Orchestratoren von Vertrauen. Ihre KI-Agenten schützen nicht nur Assets, sondern begleiten Kunden durch komplexe Lebens- und Unternehmensentscheidungen. Die Verlierer hingegen haben an der Seitenlinie gestanden und untätig abgewartet….bis es eines Tages zu spät war. Die Gewinner haben verstanden: Technologie ist das Mittel. Vertrauen ist das Kapital.
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